07. Mai, 19:00 - 21:00

Heinrich Böll: Der Zug war pünktlich

Vortrag von Michael Serrer

 »Nur das Rattern des Zuges schläfert so schön ein und tötet die Nachdenklichkeit aus ihren Köpfen […]. Sie sind alle…

Vortrag von Michael Serrer

 »Nur das Rattern des Zuges schläfert so schön ein und tötet die Nachdenklichkeit aus ihren Köpfen […]. Sie sind alle arme, graue, hungrige, verführte und betrogene Kinder. Und ihre Wiege, das sind die Züge.« Sie, das sind der Soldat Andreas und seine Wegbegleiter, auf dem Rückweg an die Ostfront. Und Andreas’ Gedanken, analog zum andauernden Rattern des Zuges, sind unaufhörlich in Bewegung, schweifen von Erinnerungen an frühere Erlebnisse zur zerstörerischen Gegenwart des Krieges. Durch eine turbulente Reise mit Trinkgelagen, Bordellbesuchen und einer unerwarteten Liebe zieht sich die unerklärliche Gewissheit des Protagonisten: Er wird sterben, diese Reise ist seine letzte. »Der Zug war pünktlich« war 1949 die erste publizierte Erzählung des noch jungen Heinrich Böll (1917–1985) – eine Dokumentation von Angst, Glaubensverlust, Schuld und dem Schrecken eines Krieges, angesichts dessen jeder Versuch des Verstehens zum Scheitern verurteilt scheint. Michael Serrer, der Leiter des Literaturbüros NRW, stellt die Veröffentlichung aus dem Gründungsjahr der Bundesrepublik näher vor und reflektiert sie vor dem Hintergrund der Biografie Heinrich Bölls.

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Veranstaltung im Rahmen der Veranstaltungsreihe "1949. Die Bestseller der jungen Bundesrepublik Deutschland.":

Mit dem Inkrafttreten des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949 wurde nicht nur der westdeutsche Staat gegründet. Durch den nunmehr geltenden Artikel 5 des Grundgesetzes (Meinungs-, Presse- und Wissenschaftsfreiheit) fielen auch die Zensurbestimmungen auf dem (west-)deutschen Buchmarkt erstmals seit 1933 weg.

Die Veranstaltungsreihe richtet den Blick auf Bücher von fünf Autoren, die 1949 erschienen sind und die sich in ihrer vorausgegangenen Haltung zum NS-Regime deutlich voneinander unterschieden. Heinrich Böll (1917–1985) und Arno Schmidt (1914–1979) waren beide als junge Männer zum Kriegsdienst einberufen worden, was auch ihr Nachkriegsschaffen prägte. Stefan Andres (1906–1970) war bereits 1933 nach Italien emigriert und verarbeitete seine Erfahrungen daraus. Ernst Jünger (1895–1998) versuchte sich der Vereinnahmung durch das NS-Regime zu entziehen und Thomas Mann (1875–1955) schließlich, der Älteste in der Runde, war zur bedeutendsten literarischen Leitgestalt des Exils avanciert. Mit welchen Büchern traten diese Autoren erstmals in der Bundesrepublik vor das Publikum? Dieser und anderen Fragen gehen die Referenten nach.

Eine Vortragsreihe in Kooperation mit dem Literaturbüro NRW