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Slowenien und Kroatien 2019

Habsburgische Geschichte und mehr

Im Jahre 1938, vor 80 Jahren also, erschien Joseph Roths Roman »Die Kapuzinergruft«, und zwar in einem niederländischen Verlag. Wenige Monate zuvor hatte sich Roth mit der endgültigen Austreibung aus dem geliebten Wien konfrontiert gesehen: Die deutsche Wehrmacht war Mitte März 1938 auf Befehl Hitlers in die Republik Österreich einmarschiert und hatte deren Eigenständigkeit ein Ende gemacht, das »Großdeutsche Reich« war geschaffen, die nationalsozialistische Diktatur hatte einen weiteren Expansionsschritt getan. Auch hier begann nun die brutale Verfolgung aus rassistischen und politischen Gründen. Für Joseph Roth, 1894 in der damaligen österreich-ungarischen Provinz Galizien in einer jüdischen Familie geboren, längst ein renommierter Journalist und spätestens seit dem Erscheinen von »Radetzkymarsch« (1932) auch ein weltbekannter Romancier, war damit auch der Rest der einst habsburgischen Heimat verloren.

 

Die verbleibende Zeit seines Lebens verbrachte er als Emigrant in Paris, auf finanzielle Unterstützung durch Freunde (etwa Stefan Zweig) angewiesen, alkoholkrank, schwermütig – und doch noch immer große Literatur schreibend.

»Die Kapuzinergruft« ist eine Fortsetzung von »Radetzkymarsch«; erneut unternimmt es Roth, die Wesenszüge der alten Habsburgermonarchie in einer breit erzählten Handlung mit einer Fülle von Gestalten lebendig werden zu lassen. In einer Kaffeehausszene, die in Wien kurz vor dem Ersten Weltkrieg spielt, unterhalten sich die Hauptfigur Franz von Trotta, geboren im (fiktiven) slowenischen Sipolje, und einige seiner Freunde, die aus ganz unterschiedlichen Teilen der Habsburgermonarchie kommen, über deren Charakter. Der älteste Anwesende, der polnische Graf Chojnitzki, der aus Galizien stammt, stellt seine Sicht klar: »Das Wesen Österreichs ist nicht Zentrum, sondern Peripherie. Österreich ist nicht in den Alpen zu finden, Gemsen gibt es dort und Edelweiß und Enzian, aber kaum eine Ahnung von einem Doppeladler. Die österreichische Substanz wird genährt und immer wieder aufgefüllt von den Kronländern.«

Zweifellos ist hier Joseph Roths persönliche Überzeugung eingeflossen, auch eigenes Erleben – sein Heimatort Brody, heute ukrainisch, lag bis 1918 am äußersten östlichen Rand der riesigen Doppelmonarchie der Habsburger, deren Benennung »Österreich-Ungarn« (förmlich so seit 1867) nur einen verhältnismäßig kleinen Ausschnitt aus den unter ihrem Dach versammelten Völkern aufscheinen lässt. Nach der Volkszählung von 1910 hatte die Doppelmonarchie eine Gesamtbevölkerung von rund 51,4 Millionen Menschen. Dabei war für etwas mehr als 12 Millionen (23,3 %) Deutsch die »Umgangssprache«, für rund 10 Millionen (19,5 %) Ungarisch. Deutschsprachige »Österreicher« und Ungarn zusammen stellten also nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung. Die damals nach recht einfachen Kriterien durchgeführte Zählung erfasste sicherlich nicht die volle Komplexität der sprachlichen Gemengelage (sehr viele Menschen waren mindestens zweisprachig; Jiddisch als Sprache eines großen Teils der zahlenmäßig starken jüdischen Bevölkerung in der Doppelmonarchie wurde überhaupt nicht abgefragt) und umriss schon gar nicht die Unterschiedlichkeit des nationalen Selbstverständnisses. Etwa wurde »Kroatisch und Serbisch« als ein und dieselbe Sprache gezählt, was schon damals sicherlich vielen Betroffenen als unangemessen erschien; über den Grad der Differenz streiten sich indes teils bis heute die sprachwissenschaftlichen Experten. Die Zahl der diese Sprache(n) sprechenden Menschen im Habsburgerreich lag 1910 jedenfalls bei knapp 4,4 Millionen (ca. 8,5 %), womit sie hinter »Deutschen«, Ungarn, Tschechen und Polen die fünftgrößte Gruppe stellten (von zehn 1910 erfassten sprachlich definierten Hauptgruppen). Slowenisch als »Umgangssprache« gaben damals etwa 1,25 Millionen Menschen (2,4 %) an (Rang 9 unter den Sprachgruppen der Habsburgermonarchie, allerdings ist die Verwandtschaft des Slowenischen mit dem Kroatischen und Serbischen wiederum eng).

 

So viel ist immerhin gewiss: Das heutige Slowenien und das heutige Kroatien gehörten zu den geographisch randständigen »Kronländern« der Habsburgermonarchie. Beide Länder existierten allerdings innerhalb des k. u. k.-Länderkomplexes nicht in ihrer heutigen Gestalt, welche in der Hauptsache erst Ergebnis der gewaltigen Umbrüche am Ende des Ersten Weltkriegs war. Historisch gesehen gehörte der größte Teil des heutigen Slowenien zu den Herzogtümern Kärnten, Steiermark und Krain, wo die Habsburger als Machtfaktor schon im Mittelalter präsent waren. Die heutige slowenische Adriaküste gehörte allerdings anderen Herrschaftsgebieten an, so wie ein Teil des heutigen nordöstlichen Slowenien zum historischen Königreich Ungarn gehörte. Es lohnt also genau hinzuschauen, wenn man sich heute mit Kultur und Geschichte des Landes befasst. Dies gilt nicht minder im Falle des heutigen Kroatien, das keineswegs territorial identisch ist mit dem »Königreich Kroatien und Slavonien«, das seit 1745 förmlich ein Nebenland des Königreichs Ungarn war, welches von den Habsburger wiederum seit 1526 beansprucht wurde. Die heutige kroatische Adriaküste gehörte nur zum Teil dazu, Dalmatien war als Königreich ein eigenständiges »Kronland« der Habsburger – allerdings erst nach Ablösung der Territorialherrschaft der Republik Venedig dort, welche erst Ende des 18. Jahrhunderts erfolgte. Die Venezianer hatten sich machtpolitisch an der dalmatinischen Küste schon im 12. Jahrhundert festgesetzt.

 

Besonderen Stellenwert für Venedigs Ambitionen im östlichen Adriaraum hatte insbesondere Zadar. An dieser Stadt kann man beispielhaft die historische Vielfalt der Region aufzeigen, die mit der Breite der kulturellen Palette korrespondiert. Die Ursprünge der Stadt reichen weit zurück – als Handelsknotenpunkt war sie schon im zweiten vorchristlichen Jahrhundert so wichtig, dass römische Truppen sie eroberten und dem Römischen Reich einverleibten. Danach hatte sie viele verschiedene Herren: Byzantiner, Franken, Kreuzritter, ungarisch-kroatische Könige, Osmanen (die die Stadt selbst allerdings nie erobern konnten, aber das Umland beherrschten). Von 1409 bis 1797 bestimmten durchgängig die Venezianer hier. Zwischenzeitlich gehörte Zadar zum Machtbereich Napoleon Bonapartes, dann zum Habsburgerreich, nach dem Ersten Weltkrieg fiel die Stadt an Italien, nach dem Zweiten Weltkrieg an Jugoslawien, nach dessen Auseinanderfallen schließlich 1991 an die heutige Republik Kroatien, nicht ohne dass es freilich um ihren Besitz Kampfhandlungen zwischen kroatischen Kräften und der serbisch dominierten jugoslawischen Armee gegeben hätte …

 

Zadar ist lediglich pars pro toto-Beispiel – und warnt vor jeder Verkürzung der komplexen historischen und kulturellen Entwicklungen, die sich bis heute in der ganzen Region spiegeln. Selbst wer also nur einen flüchtigen Blick auf das Slowenien und das Kroatien der Gegenwart wirft, merkt nur allzu bald, dass er sich auf eine komplizierte Geschichte, ja recht eigentlich auf eine Fülle unterschiedlicher, miteinander verwobener Geschichten einlässt. Zugleich allerdings merkt er, welchen Reichtum es hier zu entdecken gibt: Alle, alle haben sie – Römer, Venezianer, Kreuzritter, Habsburger, Italiener, Deutsche und manche mehr – über Jahrhunderte ihre Spuren hinterlassen – neben denen der slowenischen und der kroatischen Mehrheitsbevölkerung versteht sich. Eine Reise in beide Länder verheißt also viel mehr als nur einen Einblick in die einst habsburgische Peripherie, ist aber jedenfalls auch eine sinnvolle Erweiterung und Ergänzung unserer Fahrten ins historische Galizien, nach Siebenbürgen und in die Bukowina (2016), nach »Oberungarn« – also in die Slowakei (2017) und nach Ungarn (2018), stets »auf den Spuren der Habsburger«. Aber selbst wer auf diesen Reisen nicht dabei sein konnte, wird sehr viel lernen und genießen können.

 

Slowenien und Kroatien sind heute zudem – vielleicht weniger bekannte – Partnerländer innerhalb der Europäischen Union, Slowenien schon seit 2004, Kroatien als derzeit jüngstes EU-Mitglied seit dem 1. Juli 2013. Slowenien rangiert hinsichtlich seiner Fläche auf Platz 25 (Platz 23 nach Bevölkerungszahl) der derzeit noch 28 EU-Länder, Kroatien auf Platz 19 (Platz 21 nach Bevölkerungszahl). Welche Kraft und Begeisterungsfähigkeit aber selbst in diesen kleineren Ländern steckt, haben mindestens die Fußball-Interessierten – wohl oft staunend – gemerkt, als sich die kroatische Mannschaft im Sommer 2018 zum Titel des Vize-Weltmeisters kämpfte, als die deutschen Kicker sich längst aus dem Turnier verabschiedet hatten. Und wer denkt schon daran, wenn er sich eine Krawatte umbindet, dass er damit an den traditionellen Halsschmuck der in der frühen Neuzeit gefürchteten kroatischen Reitertruppen ganz wörtlich anknüpft? Bei genauerem Hinsehen lässt dies der Name des seriösen Kleidungs-Accessoires immerhin erahnen. Der Bezüge, Querverbindungen und Verknüpfungen gibt es also mit Blick auf Slowenien und Kroatien viel mehr als manch einer zunächst vermuten dürfte.

 

Dies gilt auch für diejenigen, die vielleicht schon einmal einen entspannenden Badeurlaub dort zugebracht haben. Wir wollen also unterschiedlichen Spuren aus ganz unterschiedlichen Zeiten und nicht minder unterschiedlicher Herkunft nachgehen. Und – natürlich nicht zuletzt – grandiose Landschaften erleben von den Julischen Alpen, über die Küsten Istriens und Dalmatiens bis zu den Plitvicer Seen. Ljubljana, Triest, Zadar, Zagreb und einige andere Orte werden uns mit ihren geschichtsträchtigen Stadtbildern imponieren.  
Winfrid Halder