GHH, Bismarckstraße 90, 40210 Düsseldorf | Kontakt | Vermietung

Ungarn 2018

Der lange Schatten der Stephanskrone – 100 Jahre nach Ende der k. u. k.-Monarchie

Vor 40 Jahren, im November 1977, fasste der Kongreß in Washington D. C. nach kontroverser Debatte einen umstrittenen Beschluss: Die Vereinigten Staaten von Amerika erklärten sich bereit, die Stephanskrone, die US-Soldaten im Mai 1945 aus dem Mattsee unweit von Salzburg geborgen, in Verwahrung genommen und später in die USA transportiert hatten, nach Ungarn zurück zu überstellen. Der erst seit einigen Monaten amtierende US-Präsident Jimmy Carter hatte sich schon zuvor dafür eingesetzt. Anfang Januar 1978 übergab tatsächlich eine amerikanische Delegation die Krone und andere königliche Insignien in Budapest an Vertreter der ungarischen Regierung.

 

In der Öffentlichkeit nicht nur der USA wurde teilweise heftige Kritik an diesem Schritt laut. Dabei wurde häufig moniert, dass man damit das schlechterdings symbolträchtigste Relikt von nahezu 1000 Jahren ungarischer Geschichte, die »heilige Krone« nämlich, die einst die »apostolischen Könige« getragen hatten, den dezidiert atheistischen Machthabern der »Volksrepublik Ungarn« ausliefere. Ungarn, am Ende des Zweiten Weltkrieges als bisheriger Bündnispartner NS-Deutschlands von der siegreichen Roten Armee erobert, war nämlich infolgedessen in den Machtbereich der Sowjetunion geraten und zur »Volksdemokratie«, will heißen zur kommunistischen Diktatur umgeformt worden. Mochte in Budapest auch mit KP-Chef János Kádár (1912–1989) ein im Vergleich etwa zu seinen Ost-Berliner Genossen um Erich Honecker (1912–1994) verhältnismäßig »liberaler« Machthaber agieren, so waren die Ungarn doch kaum weniger unfrei als der Rest der Ostblock-Insassen. Allerdings hatte der Entspannungspolitiker Carter die Geste der Kronen-Rückgabe gerade mit Blick auf die vorsichtigen und sehr begrenzten Öffnungsbestrebungen Kádárs befürwortet.

 

Widerspruch meldeten nicht zuletzt ungarische Emigranten-Organisationen an, die es reichlich in den USA und Westeuropa gab. Allein nach der brutalen Niederschlagung des ungarischen Volksaufstandes durch sowjetische Truppen im Herbst 1956 hatten etwa 200.000 Menschen das Land fluchtartig verlassen. Aber da waren auch noch andere, die der Meinung waren, dass die Rückgabe der Krone nach Budapest weder politisch noch historisch zu rechtfertigen sei. Die Stephanskrone war und ist nämlich das Symbol des Königreichs Ungarn, wie es bis 1918 bestanden hatte. Und von dessen einstigem, seit jeher multiethnisch besiedeltem Gebiet umfasste die »Volksrepublik Ungarn« gerade einmal rund ein Drittel. Das restliche früher königlich-ungarische Territorium gehörte seit dem aus ungarischer Sicht katastrophalen Friedensvertrag von Trianon (1920) zu Österreich, Jugoslawien, Italien, Rumänien und der Tschechoslowakei. Sogar Polen hatte ein kleines Stück »Ungarn« erhalten. 1945 war mit der Karpatenukraine zudem ein früherer Teil des Königsreichs Ungarn an die Sowjetunion gefallen und Teil der Ukrainischen Sozialistischen Volksrepublik geworden. Wohin also mit der Stephanskrone?

 

Mit historischem Fug und Recht konnte man zum Beispiel fordern, dass die Krone nach Preßburg gehöre, wo sie fast 270 Jahre lang ihren Hauptzweck erfüllt hatte, nämlich bei der feier-
lichen Krönungszeremonie im prächtigen St. Martinsdom dem jeweils neuen König von Ungarn auf’s Haupt gesetzt zu werden. Aber Preßburg, das gab es ja gar nicht mehr, denn die Stadt hieß inzwischen Bratislava und gehörte nicht zu Ungarn, sondern – 1977 – zur Tschechoslowakei. Bratislava war aber nicht deren Hauptstadt, also nach Prag? Immerhin: Auch dort war die
Stephanskrone in ihrer langen Geschichte schon eine Zeitlang aufbewahrt worden. Nein, konnten andere sagen, die Krone gehört – wenn man der Historie angemessen Rechnung tragen wolle – nach Wien. Also ins neutrale, aber immerhin demokratisch regierte Österreich. Denn in Wien hatten schließlich die Habsburger hauptsächlich residiert und diese Dynastie hatte 19 der 55 einstigen Träger der Krone gestellt, lückenlos zwischen 1563 und 1918. Auch der letzte Träger, Karl IV., dem die Krone im Dezember 1916 aufgesetzt worden war, war Habsburger. Beim Zusammenbruch der Habsburgermonarchie hatte er sie im November 1918 niederlegen müssen – jedoch ohne seinen Anspruch darauf förmlich vollständig aufzugeben. Es hatte außer den habsburgischen und ungarischen Trägern aber auch polnische, französische und luxemburgische Inhaber, gar einen bayerischen Fürsten gegeben, der die Stephanskrone getragen hatte.

 

Gar nicht so leicht zu beantworten war folglich Ende der 1970er-Jahre die Frage, wem oder wohin die Stephanskrone »eigentlich« gehörte. Manch einem wäre es vielleicht gar nicht unrecht gewesen, wenn sie neuerlich irgendwo im Wald vergraben worden wäre, was ihr in ihrer Geschichte, deren Ursprünge in die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts zurückreichen, nicht nur einmal widerfahren ist. Oder wenn die amerikanischen Taucher das Fass, in dem ungarische Offiziere die Krone im Frühjahr 1945 versenkt hatten, um sie vor dem Zugriff der voranstürmenden Roten Armee zu bewahren, unberührt auf dem Grunde des österreichischen Mattsees gelassen hätten. Immerhin jedoch reichte die historische Einsicht im damaligen Washington so weit einzusehen, dass sie dort jedenfalls fehl am Platze war.

Seit Anfang 1978 befindet sich die Stephanskrone also wieder in Budapest. Die damaligen kommunistischen Machthaber übergaben sie dem Ungarischen Nationalmuseum – ein klares Signal, dass sie die Krone für ein wichtiges Symbol hielten, das indes für ein abgeschlossenes Kapitel der ungarischen, aber eben keineswegs nur der ungarischen Geschichte stand. Aber: Seit dem Jahr 2000 haben sich diejenigen, welche die Krone besichtigen wollen, nicht mehr ins Nationalmuseum, sondern vielmehr in das gewaltige neogotische Parlamentsgebäude zu begeben.

Dieser – bislang – letzte Ortswechsel der Stephanskrone mutete dem kostbaren Stück zwar im Unterschied zum vorausgehenden transatlantischen »Umzug« nur einen sehr überschaubaren Weg von knapp vier Kilometern durch die Innenstadt von Pest zu (nicht einmal die Donau war zu überqueren), gleichwohl handelte es sich nicht um eine beiläufige Angelegenheit. Die Krone wurde damit nämlich aus der Historie wieder in den unmittelbaren Dunstkreis der aktuellen ungarischen Politik gerückt. Und natürlich war es auch kein Zufall, dass das Wahrzeichen der einstigen Größe Ungarns kurz nach Beginn der ersten Amtszeit Viktor Orbáns als Ministerpräsident, also nach dem Wahlsieg seiner Fidesz-Partei im Mai 1998 transferiert wurde. Denn Orbán und seine Anhänger schlagen Töne an, die anderwärts als geradezu erschreckend nationalistisch wahrgenommen werden. Seit 2010 und bis heute ist Viktor Orbán erneut ungarischer Regierungschef. Bei der Wahl im April 2010 hatte seine Partei sogar eine Zweidrittelmehrheit im Parlament gewonnen und diese nicht allein dazu genutzt, ihren Vorsitzenden wiederum zum Ministerpräsidenten zu wählen, sondern auch dazu, Ungarn eine neue Verfassung zu geben. Diese ist zu Jahresbeginn 2012 in Kraft getreten. An ihre Spitze ist ein »Nationales Bekenntnis« gestellt, in dem sich unter anderem der folgende Satz findet: »Wir halten die Errungenschaften unserer historischen Verfassung und die Heilige Krone in Ehren, die die verfassungsmäßige staatliche Kontinuität Ungarns und die Einheit der Nation verkörpern.«

Die Stephanskrone, deren Abbild übrigens schon nach der ersten freien Wahl in Ungarn nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur im Jahre 1990 sogleich wieder dem offiziellen Staatswappen hinzugefügt wurde, ist also historisches Relikt und zugleich Bezugspunkt aktueller Politik in Ungarn. Dass die Geschichte Ungarns indes reichlich kompliziert und engstens mit der Geschichte seiner Nachbarn verflochten ist, dies deutet die hier skizzierte Geschichte der Stephanskrone gewissermaßen brennglasartig an.

Anknüpfend an die Studienreise 2017 in die Slowakei (historisch »Oberungarn«) wollen wir wieder den geschichtlichen Spuren der Habsburgermonarchie folgen, deren Ende 2018 100 Jahre zurückliegt. Wer nicht die Jahrhunderte andauernde Verflechtung von Teilen des mittel-, südost-, mittelost- und osteuropäischen Raumes im Zeichen der Herrschaft des ursprünglich aus dem schweizerischen Kanton Aargau stammenden Geschlechts wenigstens ansatzweise nachvollzieht, hat schwerlich die Möglichkeit, die heutige Gegenwart dieses Raumes zu verstehen. Viktor Orbáns Ungarn gibt manch einem Westeuropäer der Gegenwart Rätsel auf. Wer sich indes mit Ungarns Geschichte befasst, dem wird gewiss manches dort klarer werden (ohne es deswegen zugleich unter dem gemeinsamen Dach der Europäischen Union akzeptabler zu finden).

Wir wollen uns also mit Ungarn befassen, durchaus allerdings nicht nur mit seiner Geschichte, sondern auch mit der großartigen Kultur und der natürlichen Schönheit des Landes. Zur Geschichte und Kultur Ungarns gehören nicht allein ungarische, sondern vielmehr etwa auch deutsche und jüdische Elemente, christliche und muslimische Spuren, jedenfalls eine breite Vielfalt ethnischer und religiöser Prägungen. Dies wird beeindruckend werden, keineswegs nur für diejenigen, die mit uns schon in den vergangenen Jahren »habsburgische« Landschaften im heutigen Polen, der Ukraine und der Slowakei erleben konnten, sondern für alle Interessierten.         
Winfrid Halder