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Denkmal für Sowjetische Kriegsgefangene in Hola bei Biala Podlaska, Foto: Christian Kasners, VG Bildkunst
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»Kasprzycki«.

Ein Ausstellungs- und Rechercheprojekt des Fotokünstlers Christian Kasners.

Ausstellungseröffnung: 10. Juni – 18.00 Uhr

Der Künstler Christian Kasners, geb. 1983 in Bottrop, arbeitet seit 2019 mit Förderung der Kunststiftung NRW und Unterstützung des GHH an einem Projekt unter dem Arbeitstitel »kasprzycki«. Das Projekt »kasprzycki« basiert auf einer Recherche über Kasners Großvater Anton und dessen beider Ehefrauen Hildegard und Gertrud. Es sind vielschichtig miteinander verwobene, in Ostpreußen und Schlesien verortete Biografien, die Kasners anhand von überlieferten Dokumenten, Schwarz-Weiß-Fotos und familiären Erzählungen zu entflechten und freizulegen sucht. Die Geschichte beginnt mit den Eltern des Großvaters Anton, die um 1900 aus Ostpreußen ins Ruhrgebiet auswanderten und ihren polnischen Nachnamen »Kasprzycki« Anfang der 1920er Jahre ablegten. Anton lebte eine Zeit lang in Berlin mit seiner Frau Hildegard und ihrem gemeinsamen Sohn Wolfgang, bevor Anton nach der Scheidung von Hildegard zurück ins Ruhrgebiet kam. Er lernte seine künftige Ehefrau Gertrud kennen, sie heirateten 1942. Während Hildegard, ihr gemeinsamer Sohn Wolfgang und eine später geborene Tochter Hildegards auf Grund ihrer jüdischen Abstammung im Juli 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurden, diente Anton in der deutschen Wehrmacht ab 1941 einige Monate in einem Kriegsgefangenenlager für sowjetische Soldaten in Biała Podlaska, nahe der weißrussischen Grenze.

Hier beginnen die ungeklärten Fragen, denen sich Christian Kasners widmen wird. Eine kleine überlieferte Fotoserie aus Familienbesitz wird für Christian Kasners Ausgangsmaterial zur künstlerischen Verarbeitung des Vermuteten. Es führt zu den Recherchen über Hunger, Erkrankung und Massenerschießungen der vor allem sowjetischen Gefangenen, als eines der weiteren schrecklichen Verbrechen der deutschen Wehrmacht im Osten, das bisher wenig in der deutschen Öffentlichkeit reflektiert wurde. Und zur Gewissheit, dass auch Großvater Anton in das grausige Geschehen involviert war.

Hildegard und die Kinder wurden zwischen dem 28.9. und 4.10.44 nach Auschwitz deportiert. Nur der Sohn Wolfgang überlebte, der schließlich aber auch 1945 in Bergen-Belsen neunzehnjährig starb.

Christian Kasners Spurensuche führte ihn an die Lebens- und Sterbestationen der genannten Personen, darunter Breslau (Wrocław) und das KZ Theresienstadt (Terezín). Erstes Ergebnis dieses fortlaufenden Projekts wird eine raumgreifende Installation sein, bestehend aus Montagen verschiedenster Materialien und analogen Medien – darunter Briefe und Zeugenberichte sowjetischer Kriegsgefangener. Durch Mittel der Montage, dem Kombinieren und Gegenüberstellen kommentiert und erschließt Christian Kasners Vergangenheit und Gegenwart und stellt sie gegenüber.

Christian Kasners selbst schreibt dem »Dokumentarischen« ein wichtigen Einfluss für seine künstlerische Arbeit zu. Jedoch sind die Arbeiten nicht das, was man rein dokumentarisch nennen kann. Er nutzt Elemente der Dokumentarfotografie und beschäftigt sich nicht das erste Mal mit vorgefundenen, gesellschaftspolitischen Themen. Diese Herangehensweise mischt er mit anderen Elementen oder bricht sie, beispielsweise durch Auswahl, Sequenzierung oder Montage von Bildern, oft in Kombination mit anderem Material. Sein Ziel ist keine möglichst klare Bildsprache und Vermittlung von konkreten Standpunkten oder etwas Abgeschlossenem, sondern eine Verdichtung von verschiedenen Eindrücken und Fragestellungen. Diese führt die Arbeiten von dem »dokumentarischen« Inhalt der Bilder weg, hin zu etwas Abstraktem, Vielschichtigem. Christian Kasners Ansatz ist, dass seine künstlerische Arbeit Dinge und Denkweisen anstößt, die nicht immer einfach fassbar sind und anders nicht angestoßen oder wahrnehmbar wären. Seine Werke  sollen Assoziationsräume sowie Fragen und Gedankengänge öffnen.

Christian Kasners studierte von 2009 bis 2017 Fotografie bei Gisela Bullacher, Elisabeth Neudörfl, Christopher Muller an der Folkwang Universität der Künste, Essen, darunter von 2014 bis 2015 am Rochester Institute of Technology, Rochester (USA) und ist seit 2019 Meisterschüler bei Annette Kisling an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig.

Laufzeit: 10. Juni bis 12. August 2022

Veranstalter: Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus | Deutsch-osteuropäisches Forum

Das Gerhart-Hauptmann-Haus. Deutsch-osteuropäisches Forum (früher „Haus des Deutschen Ostens“) ist Sitz der gleichnamigen Stiftung und befindet sich an der Bismarckstraße 90 in Düsseldorf. Der Bau wurde von Walter Kroner und Bruno Lambart von 1960 bis 1962 erbaut. Die Stiftung dient der Auseinandersetzung mit der europäischen und deutschen Zeitgeschichte und weist eine umfangreiche Spezialbibliothek zur Geschichte Ostmittel- und Osteuropas auf.

weitere Informationen: Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus | Deutsch-osteuropäisches Forum

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