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Der andere Dichter-Arzt: Hans Carossa.

Vortrag mit Textbeispielen von Prof. Dr. Winfrid Halder und Dr. Katja Schlenker

Wenige Wochen nach dem Tod von Gottfried Benn (1886–1956), dessen 70. Todestag am 22. September 2026 Anlass zu einer Veranstaltung bei uns war, starb Hans Carossa. Neben der Nähe der Todesdaten waren der aus Brandenburg stammende Benn und der Bayer mit italienischen Vorfahren Carossa durch weitere Parallelen miteinander verbunden: Beide waren studierte Mediziner, die den ärztlichen Beruf ausübten und frühzeitig damit rangen, diesen mit ihrer dichterischen Berufung in Einklang zu bringen. Beide waren im Ersten Weltkrieg als Militärärzte im Einsatz; die Kriegserlebnisse stellten für Benn und Carossa tiefgreifende persönliche Zäsuren dar. Carossa hat insbesondere seine Erfahrungen auf dem rumänischen Kriegsschauplatz literarisch verarbeitet, wo er an den Kämpfen um Siebenbürgen teilnahm (»Rumänisches Tagebuch«, zuerst 1924 erschienen). In den 1920er-Jahren wurden beide bekannte Autoren, und zwar sowohl mit Lyrik wie auch mit Prosatexten. Das Jahr 1933 stellte wiederum für beide eine Zäsur dar: von sehr unterschiedlichen weltanschaulichen Positionen her kommend, standen beide der NS-Diktatur mit Vorbehalten gegenüber, waren aber auch nicht bereit, wie viele andere Schriftstellerkolleginnen und -kollegen zu emigrieren.

Carossas Gratwanderung zwischen weltanschaulicher Dissidenz und Anpassung ist bis heute in exemplarischer Weise erhellend für das Existieren unter einer menschenverachtenden Diktatur. Als überzeugter Humanist goetheanischer Prägung war Carossa unzweideutig ein Gegner der NS-Rassenideologie und ihrer politischen Folgen, zugleich versuchte er künstlerische Spielräume zu wahren und auch Verfolgten im Einzelfall zu helfen. Dabei ging er Kompromisse ein, die ihn rückschauend in ein diffuses Licht stellen. Im Sommer 1944 platzierte das NS-Propagandaministerium ausgerechnet Carossa auf Platz 1 der »Gottbegnadeten-Liste« (also der Künstlerinnen und Künstler, die von jedem Kriegseinsatz ausgenommen wurden, da sie als unverzichtbar galten). Carossa rangierte damit vor Gerhart Hauptmann (1862–1946), der bei den schreibenden »Gottbegnadeten« nur auf den zweiten Platz kam. Warum nicht eindeutig regimetreue Autoren wie Erwin Guido Kolbenheyer (1878–1962) (Platz 3) oder Hanns Johst (1890–1978) (Platz 4) den Vorrang bekamen, bleibt im Nachhinein schwer zu verstehen. Anders als viele andere nach 1933 in Deutschland verbliebene Künstler hat Hans Carossa immerhin den Versuch unternommen, öffentlich eine umfassende, selbstkritische Rechenschaft über sein Verhalten abzulegen. 1951 veröffentlichte er dazu das immer noch höchst lesenswerte Buch »Ungleiche Welten«.

Anhand von Textbeispielen und deren historischer Einordnung soll der Versuch unternommen werden, Hans Carossas Handlungsweise nachvollziehbar zu machen. Zugleich erinnern wir damit 70 Jahre nach seinem Tod an einen Schriftsteller, der zu den erfolgreichsten und bekanntesten Autoren in der jungen Bundesrepublik Deutschland gehörte.