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Gelassen nachdenkend ertragen können.

Die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 und die Folgen für die DDR

Vortrag mit Textbeispielen mit Dr. Katja Schlenker und Prof. Dr. Winfrid Halder

Am 13. November 1976 trat der Dichter und Liedermacher Wolf Biermann in der Kölner Sporthalle auf. Sein auf Einladung der IG Metall stattfindendes Konzert fand große Beachtung, der Westdeutsche Rundfunk übertrug es live im Radio. Der als Regimekritiker wie auch als bekennender Sozialist bekannte DDR-Bürger Biermann hatte zuvor seitens der Kulturbehörden der SED-Diktatur die Genehmigung zu einer dreiwöchigen Tournee im »westlichen Ausland« erhalten. Am 16. November, einen Tag nach Biermanns 40. Geburtstag, gab die Nachrichtenagentur der DDR völlig überraschend offiziell bekannt, dass diesem »wegen grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten« die Staatsangehörigkeit entzogen worden war, eine Rückkehr an seinen Wohnsitz in Ost-Berlin war damit unmöglich. Die SED-Parteiführung hatte die Zwangsausbürgerung Biermanns in ihrer Sitzung unmittelbar zuvor auf Veranlassung von Staats- und Parteichef Erich Honecker beschlossen.

Was als rasche »Entsorgung« eines Unbequemen und Mundtotmachung zumindest im eigenen Land gedacht war, erwies sich für die SED-Oberen dann sogleich als Bumerang. Am 17. November nämlich schon veröffentlichten westliche Medien einen Protestbrief, in dem zunächst 12 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner gegenüber der Parteiführung die Ansicht vertraten, es wäre richtig gewesen, Biermanns Kritik »gelassen nachdenkend [zu] ertragen«. Zugleich baten sie die Verantwortlichen darum, »die beschlossene Maßnahme zu überdenken«. Unterschrieben hatten das federführende Ehepaar Christa und Gerhard Wolf, Erich Arendt, Jurek Becker, Sarah Kirsch, Rolf Schneider, Franz Fühmann, Günther Kunert, Volker Braun, Stephan Hermlin, Stefan Heym und Heiner Müller. Bald schlossen sich dem spektakulären Schritt zahlreiche weitere führende Angehörige der Kunst- und Kulturelite der DDR an. Ein langwieriger Konflikt hatte begonnen, der Repressionen, weitere Ausbürgerungen, aber auch einen dramatischen Gesichtsverlust der SED-Führung zur Folge hatte. Die Vorgänge stellen nicht zuletzt eine wichtige Etappe auf dem Weg zum inneren Zerfall der DDR dar. Ein kleiner Beitrag auch zum 85. Geburtstag des noch immer unbequemen Wolf Biermann.

Veranstalter: Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus | Deutsch-osteuropäisches Forum

Das Gerhart-Hauptmann-Haus. Deutsch-osteuropäisches Forum (früher „Haus des Deutschen Ostens“) ist Sitz der gleichnamigen Stiftung und befindet sich an der Bismarckstraße 90 in Düsseldorf. Der Bau wurde von Walter Kroner und Bruno Lambart von 1960 bis 1962 erbaut. Die Stiftung dient der Auseinandersetzung mit der europäischen und deutschen Zeitgeschichte und weist eine umfangreiche Spezialbibliothek zur Geschichte Ostmittel- und Osteuropas auf.

weitere Informationen: Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus | Deutsch-osteuropäisches Forum