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Filmplakat
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»In jenen Tagen« (D 1946/47). Filmvorführung

aus unserer Reihe »Vom Propaganda- zum Aufklärungsinstrument? Trümmerfilme in Deutschland 1946«

 

Drama | Regie: Helmut Käutner | 111 Minuten | FSK 12

Am Ende der Trümmerfilm-Reihe steht erstmals eine Filmproduktion, die in einer der westlichen Besatzungszonen entstanden ist, nämlich in Hamburg und Umgebung. Die traditionsreiche Hafen- und Hansestadt gehörte seit 1945 zum britischen Besatzungsgebiet. Die drei zuvor gezeigten Filme sind allesamt unter der Kontrolle der sowjetischen Besatzungsmacht im besetzten Berlin gedreht worden. Im Frühsommer 1946 erhielt Helmut Käutner (1908–1980) die Erlaubnis zur Umsetzung eines von ihm selbst stammenden Drehbuchs. Käutner, gebürtiger Düsseldorfer, hatte bereits als Schüler erste Schauspielerfahrungen gesammelt, nach dem Studium (u. a. an der Essener Folkwang-Schule) schrieb er auch Kritiken und trat als Kabarettist auf. 1935 wurde vom NS-Regime das weitere Auftreten von Käutners Kabarett-Ensemble verboten. Er behielt ein distanziertes Verhältnis zum Regime, musste aber, seitdem er 1939 auch als Film-Regisseur zu arbeiten begonnen hatte, Kompromisse machen. Dennoch durfte sein Debütfilm wegen allzu »probritischer« Tendenzen nicht gezeigt werden. Käutner versuchte fortan »unpolitisch« zu arbeiten, was ihm nicht vollständig gelang.

1945 hatte Käutner Berlin verlassen und war nach Hamburg gegangen, wo er bald wieder am Theater zu arbeiten begann. Er fand Kontakt zu zahlreichen ihm vertrauten Kolleginnen und Kollegen aus der Film- und Theaterwelt, die es ebenfalls nach Norddeutschland verschlagen hatte. Mit einigen von ihnen – darunter die damals erst 25-jährige, aus Prag stammende Winnie Markus (1921–2002) oder Werner Hinz (1903–1985), der sich bereits bei der UFA als Charakterdarsteller etabliert hatte – realisierte er sein erstes Nachkriegsfilmprojekt. In einer Nebenrolle ist aber auch Erwin Geschonnek (1906–2008) zu sehen. Der gebürtige Ostpreuße Geschonnek, überzeugter Kommunist, war seit 1939 in verschiedenen Konzentrationslagern gefangen gehalten worden. Am 3. Mai 1945 überlebte er knapp den Untergang der »Cap Arcona« in der Lübecker Bucht; auf dem Schiff, das durch einen britischen Bombenangriff versenkt wurde, waren von der SS Tausende von Häftlingen zusammengepfercht worden. Geschonnek wurde später einer der bekanntesten Schauspieler in der DDR.

Der Film besteht aus sieben Episoden, die durch die teils dramatischen Besitzerwechsel eines Personenwagens (ein Opel Olympia, Baujahr 1936) miteinander verknüpft sind. Durch die Besitzerwechsel werden antisemitische Verfolgung, Widerstandsaktivitäten, Krieg sowie Flucht und Vertreibung thematisiert. Er hatte am 13. Juni 1947 Premiere in Hamburg.

 

 

Hintergrund

 »Vom Propaganda- zum Aufklärungsinstrument? Trümmerfilme in Deutschland 1946«

Das neue Medium Film hatte in den 1920er-Jahren Massenwirksamkeit zu entfalten begonnen, verstärkt noch durch die Einführung der Tonfilmtechnik an der Wende zu den 1930er-Jahren. Die nationalsozialistische Diktatur machte sich dies sehr schnell und zielgerichtet zunutze. Propagandaminister Goebbels unterwarf seit 1933 nicht nur das Presse-, sondern auch das Filmwesen seiner Kontrolle. Angesichts des hohen Wertes als Propagandainstrument, den das NS-Regime dem Film beimaß, wurden aufwendige Filmproduktionen sogar noch bis fast zum Ende des Zweiten Weltkrieges vorangetrieben. Dementsprechend fehlten auch glamourös inszenierte Filmpremieren nicht – im Falle des bis heute populären Streifens »Die Feuerzangenbowle« etwa im Berliner Tauentzien-Palast am 28. Januar 1944. Da lag die damalige Reichshauptstadt längst im Bombenhagel. In der Nacht nach der Filmpremiere etwa erfolgte ein Angriff von weit über 600 Kampfflugzeugen, so wie auch in der Nacht davor und danach jeweils mehrere Hundert alliierte Flugzeuge Berlin attackierten. Die fröhlich-unbeschwerte Schul- und Liebeskomödie mit Ufa-Star Heinz Rühmann (1902–1994) in der Hauptrolle, gedreht überwiegend im damals noch kriegsfernen schwäbischen Ellwangen, sollte ja auch dazu beitragen, die deutsche Bevölkerung über die längst hereingebrochene, selbst verursachte Kriegskatastrophe hinwegzutäuschen. Die Realität indes des Regimes erreichte auch das Film-Team. Der Journalist und Schriftsteller Erich Knauf (1895–1944), der einen Liedtext zur »Feuerzangenbowle« beigesteuert hatte, überlebte die Premiere nicht lange. Er wurde wegen »defätistischer Äußerungen im Luftschutzkeller« vom »Volksgerichtshof« zum Tode verurteilt und am 2. Mai 1944 ermordet. Tatsächlich hatte Knauf wohl politische Witze erzählt und wurde denunziert. Gelacht werden sollte in Deutschland noch, aber nur unter der Kontrolle von Goebbels.

Selbst im Frühjahr 1945 gab es noch Filmpremieren, darunter am 30. Januar 1945 die des Propagandafilms »Kolberg« mit dem aus Stettin stammenden Heinrich George (1893–1946), ebenfalls im Berliner Tauentzien-Palast, der freilich bald darauf ebenfalls in Flammen aufging. Goebbels hatte im Sommer 1944 rund 150 Schauspielerinnen und Schauspieler auf die sogenannte »Gottbegnadeten-Liste« aufnehmen lassen, deren Zweck war, künstlerisch tätige Personen, die für das Regime für die Zeit nach dem immer noch erwarteten »Endsieg« als besonders wichtig galten, mit einem Sonderstatus vor einem etwaigen Kriegseinsatz zu bewahren. Darauf standen auch Rühmann und George.

Nach dem endgültigen Zusammenbruch des NS-Regimes und der vollständigen militärischen Besetzung Deutschlands durch die alliierten Siegermächte gab es nicht mehr das staatlich kontrollierte Ufa-Filmimperium, aber sehr viele erfahrene Kräfte für die Filmproduktion insgesamt. Deren Bestreben war, bald wieder zu Arbeit (und Brot) zu kommen – das liegt auf der Hand. Außerdem – und das war manchen Beteiligten wohl nicht weniger wichtig – konnten jetzt auch wieder Filme gedreht werden, die weder inhaltlich noch künstlerisch den Vorgaben von Goebbels unterlagen. So begann erstaunlich rasch, nämlich schon nur etwa ein Dreivierteljahr nach Kriegsende, die Neuproduktion auch abendfüllender Spielfilme. Anders als die vordergründige Idylle der »Feuerzangenbowle« setzten sich jetzt viele Produktionen mit der unmittelbaren Vergangenheit und der bedrückenden Gegenwart auseinander. Die zertrümmerten Städte mit ihren notleidenden Menschen, den Ausgebombten, den hereinströmenden Flüchtlingen und Vertriebenen waren nicht künstliche Kulisse, sondern Realität. Diese Filme stehen bis heute für den unmittelbaren Blick in die Gegenwart von damals und den Versuch erster Rückschau und Selbstbefragung der Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die kaum der großen Katastrophe entronnen waren.

Wir zeigen – 80 Jahre danach – Filme, die 1946 in die deutschen Kinos kamen oder produziert wurden. Allen Vorführungen geht eine (film-)historische Einführung voraus, im Anschluss besteht die Möglichkeit zum Austausch über das Gesehene.