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Konferenzsaal

»Das Zuchthaus war meine Universität.«.

Walter Kempowski im »Gelben Elend« (Zuchthaus Bautzen I)

Reihe Locked in-Literatur: Schreiben in und über Gefangenschaft

Vortrag mit Textbeispielen mit Dr. Katja Schlenker und Prof. Dr. Winfrid Halder

Am 8. März 1948 um 5 Uhr 30 morgens endete für den damals 18-jährigen Walter Kempowski die Freiheit, am 7. März 1956 um 6 Uhr 26 erhielt er sie wieder. Das waren »nur« beinahe auf den Tag genau acht Jahre, die zwischen seiner Verhaftung in Rostock und der Entlassung aus dem berüchtigten Zuchthaus Bautzen I lagen. Kempowski konnte sich eigentlich noch glücklich preisen, denn er war am 28. September 1948 von einem Militärtribunal im sowjetischen Sektor Berlins gemeinsam mit seinem älteren Bruder Robert zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt worden. Das Urteil warf beiden »Spionage, antisowjetische Hetze, illegalen Grenzübertritt und Gruppenbildung« vor. Tatsächlich hatte sich Walter Kempowski zuvor in der Amerikanischen Besatzungszone aufgehalten und dort auch Kontakt zum US-Geheimdienst gehabt, hatte diesem auch Informationen über Reparationsleistungen an die Sowjetunion geliefert. Freilich war der Schüler Kempowski, der noch nicht einmal das Abitur abgelegt hatte, ein »kleiner Fisch« – was ihn nicht vor der Verhaftung bewahrte, als er in seine Heimatstadt Rostock zurückkehrte, um mit Mutter und Bruder deren Flucht in den Westen zu besprechen. Ein »Glücksfall« war die Haft in Bautzen für Kempowski, wie er später sagte, weil Andere, die ein ähnliches Urteil erhielten, in die Sowjetunion deportiert wurden und im riesigen Zwangsarbeitslagerimperium des Gulag verschwanden. Horst Bienek zum Beispiel, rund ein Jahr jünger als Kempowski, der 1951 verhaftet, wegen »antisowjetischer Hetze« verurteilt und bis 1955 im Gulag-Lager Workuta inhaftiert war. Wieder Andere, der Rostocker Student Arno Esch etwa, ein Jahr älter als der mit ihm bekannte Kempowski, kamen gar nicht ins Lager, sondern wurden im Keller des Moskauer Lubjanka-Gefängnisses erschossen. Außerdem erfuhr Kempowski im Juni 1955, dass sein Entlassungsjahr nicht 1973 sein würde, sondern dass seine Strafe aufgrund einer Amnestie von DDR-Präsident Wilhelm Pieck auf lediglich acht Jahre reduziert wurde.

Die Bautzener Jahre haben Kempowski lebenslang geprägt. Er war als Häftling dem Tode nahe, magerte dank ständiger Unterernährung auf 45 Kilo ab, wurde erniedrigt – machte aber mit vielen seiner Mitgefangenen auch sehr gute menschliche Erfahrungen, lernte viel – daher war Bautzen seine »Universität«. Nachdem er als Haftentlassener aus der DDR ausgereist war, entschied sich Kempowski zunächst Lehrer zu werden. Nach langem Ringen veröffentlichte er schließlich 1969 mit »Im Block« nicht nur sein erstes größeres literarisches Werk, sondern auch seine erste schriftstellerische Auseinandersetzung mit den Bautzener Jahren. Weitere sollten folgen.