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Filmszene aus »Irgendwo in Berlin« (D 1946) ©DEFA-Stiftung
Filmszene aus »Irgendwo in Berlin« (D 1946) ©DEFA-Stiftung
 

»Irgendwo in Berlin« (D 1946). Filmvorführung

aus unserer Reihe »Vom Propaganda- zum Aufklärungsinstrument? Trümmerfilme in Deutschland 1946«

Drama | Regie: Gerhard Lamprecht | 85 Minuten | FSK 6

Auch beim dritten Film der Reihe handelt es sich um eine sehr frühe Produktion der in der Sowjetischen Besatzungszone rasch nach Kriegsende gegründeten DEFA, später die dominierende Filmgesellschaft der DDR. Bereits am 18. Dezember 1946 wurde der unter der Regie von Gerhard Lamprecht (1897–1974) entstandene Streifen in Berlin uraufgeführt. Er unterscheidet sich von den bisher betrachteten Filmen in einem wichtigen Punkt: Im Mittelpunkt der Handlung stehen Kinder. Der Film greift somit einen wesentlichen Aspekt der allerersten Nachkriegszeit auf, nämlich das Aufwachsen in der vom Krieg hinterlassenen Trümmerlandschaft. Und zwar einer materiellen und einer seelischen Trümmerlandschaft: Die zerstörte Stadt als »Spielplatz« mit ungeahnten, zum Teil aber auch lebensgefährlichen Möglichkeiten einerseits, die entwurzelten, vielfach traumatisierten erwachsenen Bezugspersonen andererseits. Das schauspielerische Personal ist bemerkenswert: In den Erwachsenenrollen sind überwiegend Filmroutiniers wie Hans Leibelt (1885–1974) oder Paul Bildt (1885–1957) zu sehen, die unmittelbar zuvor noch vielbeschäftigte Darsteller in UFA-Produktionen unter der Ägide von NS-Propagandaminister Goebbels waren. Dazu kam in einer der weiblichen Hauptrollen Lotte Loebinger (1905–1999), die zwar auch schon einige Filmerfahrung hatte (u. a. in Fritz Langs berühmten Kriminalstreifen »M« von 1931), die aber gerade erst aus der Emigration in der Sowjetunion zurückgekehrt war. Loebinger hatte 1933 aus Deutschland fliehen müssen, da sie als »Halbjüdin« im Sinne der NS-Rassenideologie und zudem überzeugte Kommunistin allzu gut ins Feindbild der NS-Diktatur passte. Die eigentliche Hauptrolle des Jungen Gustav spielte der damals erst 11-jährige Charles Knetschke. Später wurde der heute fast 92-Jährige unter dem Künstlernamen Charles Brauer einer der bekanntesten deutschen Film- und Fernsehstars überhaupt.


Weitere Termine:

02. November, 18.00 Uhr: »In jenen Tagen« (D 1946/47)

 

Hintergrund

 »Vom Propaganda- zum Aufklärungsinstrument? Trümmerfilme in Deutschland 1946«

Das neue Medium Film hatte in den 1920er-Jahren Massenwirksamkeit zu entfalten begonnen, verstärkt noch durch die Einführung der Tonfilmtechnik an der Wende zu den 1930er-Jahren. Die nationalsozialistische Diktatur machte sich dies sehr schnell und zielgerichtet zunutze. Propagandaminister Goebbels unterwarf seit 1933 nicht nur das Presse-, sondern auch das Filmwesen seiner Kontrolle. Angesichts des hohen Wertes als Propagandainstrument, den das NS-Regime dem Film beimaß, wurden aufwendige Filmproduktionen sogar noch bis fast zum Ende des Zweiten Weltkrieges vorangetrieben. Dementsprechend fehlten auch glamourös inszenierte Filmpremieren nicht – im Falle des bis heute populären Streifens »Die Feuerzangenbowle« etwa im Berliner Tauentzien-Palast am 28. Januar 1944. Da lag die damalige Reichshauptstadt längst im Bombenhagel. In der Nacht nach der Filmpremiere etwa erfolgte ein Angriff von weit über 600 Kampfflugzeugen, so wie auch in der Nacht davor und danach jeweils mehrere Hundert alliierte Flugzeuge Berlin attackierten. Die fröhlich-unbeschwerte Schul- und Liebeskomödie mit Ufa-Star Heinz Rühmann (1902–1994) in der Hauptrolle, gedreht überwiegend im damals noch kriegsfernen schwäbischen Ellwangen, sollte ja auch dazu beitragen, die deutsche Bevölkerung über die längst hereingebrochene, selbst verursachte Kriegskatastrophe hinwegzutäuschen. Die Realität indes des Regimes erreichte auch das Film-Team. Der Journalist und Schriftsteller Erich Knauf (1895–1944), der einen Liedtext zur »Feuerzangenbowle« beigesteuert hatte, überlebte die Premiere nicht lange. Er wurde wegen »defätistischer Äußerungen im Luftschutzkeller« vom »Volksgerichtshof« zum Tode verurteilt und am 2. Mai 1944 ermordet. Tatsächlich hatte Knauf wohl politische Witze erzählt und wurde denunziert. Gelacht werden sollte in Deutschland noch, aber nur unter der Kontrolle von Goebbels.

Selbst im Frühjahr 1945 gab es noch Filmpremieren, darunter am 30. Januar 1945 die des Propagandafilms »Kolberg« mit dem aus Stettin stammenden Heinrich George (1893–1946), ebenfalls im Berliner Tauentzien-Palast, der freilich bald darauf ebenfalls in Flammen aufging. Goebbels hatte im Sommer 1944 rund 150 Schauspielerinnen und Schauspieler auf die sogenannte »Gottbegnadeten-Liste« aufnehmen lassen, deren Zweck war, künstlerisch tätige Personen, die für das Regime für die Zeit nach dem immer noch erwarteten »Endsieg« als besonders wichtig galten, mit einem Sonderstatus vor einem etwaigen Kriegseinsatz zu bewahren. Darauf standen auch Rühmann und George.

Nach dem endgültigen Zusammenbruch des NS-Regimes und der vollständigen militärischen Besetzung Deutschlands durch die alliierten Siegermächte gab es nicht mehr das staatlich kontrollierte Ufa-Filmimperium, aber sehr viele erfahrene Kräfte für die Filmproduktion insgesamt. Deren Bestreben war, bald wieder zu Arbeit (und Brot) zu kommen – das liegt auf der Hand. Außerdem – und das war manchen Beteiligten wohl nicht weniger wichtig – konnten jetzt auch wieder Filme gedreht werden, die weder inhaltlich noch künstlerisch den Vorgaben von Goebbels unterlagen. So begann erstaunlich rasch, nämlich schon nur etwa ein Dreivierteljahr nach Kriegsende, die Neuproduktion auch abendfüllender Spielfilme. Anders als die vordergründige Idylle der »Feuerzangenbowle« setzten sich jetzt viele Produktionen mit der unmittelbaren Vergangenheit und der bedrückenden Gegenwart auseinander. Die zertrümmerten Städte mit ihren notleidenden Menschen, den Ausgebombten, den hereinströmenden Flüchtlingen und Vertriebenen waren nicht künstliche Kulisse, sondern Realität. Diese Filme stehen bis heute für den unmittelbaren Blick in die Gegenwart von damals und den Versuch erster Rückschau und Selbstbefragung der Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die kaum der großen Katastrophe entronnen waren.

Wir zeigen – 80 Jahre danach – Filme, die 1946 in die deutschen Kinos kamen oder produziert wurden. Allen Vorführungen geht eine (film-)historische Einführung voraus, im Anschluss besteht die Möglichkeit zum Austausch über das Gesehene.